Verlässliche Daten

Verlässliche Daten
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Wie viel Kohlendioxid bei der Herstellung eines T-Shirts oder eines Autos produziert wird, wissen wir nicht genau. Noch gibt es nur durchschnittliche, aber keine tatsächlichen Zahlen. Ein kleines luxemburgisches Start-up will das jetzt ändern.

Man könnte meinen, Klimaschutz und Nachhaltigkeit seien Themen aus einer anderen Zeit. Denn kaum einer spricht noch davon. Vor drei Monaten wäre das kaum denkbar gewesen, da waren sie rund um die Uhr präsent. Doch die Corona-Pandemie hat alles in den Schatten gestellt, selbst Greta Thunberg und ihre Fridays for Future-Bewegung. Dabei hatte der Lockdown rein umwelttechnisch durchaus einen positiven Effekt. In den letzten Wochen war die Luft weltweit so wenig verschmutzt wie lange nicht mehr. Kein Wunder: Flugzeuge, Autos, Fabriken – alles stand still.

Zu ermitteln, wie viel Kohlendioxid unter welchen Umständen entsteht, wird  immer wichtiger.

Für Armin Neises war Nachhaltigkeit schon immer ein Thema. Der studierte Maschinenbauingenieur, der mittlerweile als Coach und Managementberater tätig ist, hat sich in seiner Karriere früh darauf spezialisiert. 2008 wurde er von einer deutschen Zeitung gar als Nachhaltigkeitsmanager des Jahres ausgezeichnet. Seine Definition von Nachhaltigkeit geht weiter als die sonst übliche. Sie ist mehr als nur das Prinzip, dass nicht mehr verbraucht wird als wieder nachwachsen oder sich regenerieren kann. „Nachhaltigkeit ist die Balance zwischen den sozialen, ökonomischen und ökologischen Aspekten. Ein Unternehmen muss wirtschaftlich arbeiten, ansonsten ist es nicht sozial. Und auch nicht nachhaltig“, sagt er.

Vor wenigen Wochen hat Neises gemeinsam mit dem Umwelt-Betriebswirt Matthias Brinkert ein Start-up gegründet: Waves, das Akronym von „Worldwide Added Values for Environment and Sustainability“. Die Idee: den individuellen und tatsächlichen ökologischen Fußabdruck von Produkten und Unternehmen sichtbar zu machen. Die Methode: Eine speziell entwickelte App wird im IT-System eines Unternehmens angedockt und rechnet mithilfe aktueller und realistischer Daten die Umweltauswirkungen aus. Genauer: den CO2-Fußabdruck oder Carbon Footprint, wie es neudeutsch heißt. Zwar ist das langfristige Ziel des Start-ups, alle Komponenten eines ökologischen Fußabdrucks inklusive weiterer Faktoren wie Wasser- und Energieverbrauch sowie die Emission anderer Gase zu berechnen, doch in der Anfangsphase geht es ausschließlich um den Ausstoß von Kohlendioxid bei der Herstellung eines Produkts. Oder den CO2-Fußabdruck eines gesamten Unternehmens.

Matthias Brinkert und Armin Neises Pressefoto

Matthias Brinkert und Armin Neises (r.) helfen Unternehmen, die Umweltverträglichkeit ihrer Produkte zu berechnen.

Zu ermitteln, wie viel Kohlendioxid unter welchen Umständen entsteht, wird immer wichtiger. Im internationalen Vergleich des Earth Overshoot Day liegt Luxemburg an trauriger zweiter Stelle, kurz hinter Katar. Der Earth Overshoot Day ist der Tag, an dem ein Land mehr Ressourcen verbraucht hat, als innerhalb eines Jahres durch natürliche Reproduktion wiederhergestellt werden können. Für Luxemburg liegt der Tag am 16. Februar, den Rest des Jahres lebt das Großherzogtum quasi auf Pump: Es leiht sich Ressourcen vom Planeten Erde, ohne diese jemals zurückbezahlen zu können. Würden alle Länder der Welt auf unserem Niveau leben, bräuchten wir acht Planeten, um diesen Lebensstandard halten zu können.

Um die Situation zu ändern, müssten neue Gesetze und moderne Technologien her. Und für jeden von uns eine Art von Bewusstseinsveränderung. Doch wie kann man Menschen dazu bringen, ihre Einstellung, ihr Bewusstsein und ihr Verhalten zu ändern? Armin Neises Antwort: „Die größte Veränderung findet statt, wenn Dinge sichtbar gemacht werden. Doch als Verbraucher haben wir keine Sichtbarkeit, wie umweltschädlich wir uns verhalten. Wir sehen nicht, was wir machen, wie viele Ressourcen die Klamotten, die wir tragen oder der Kaffee, den wir trinken, in ihrer Herstellung verbraucht haben.“ Ähnlich wie die Nährwertangaben, die auf den Verpackungen von Lebensmitteln stehen, müsste auf jedem Produkt seine individuelle Öko-Bilanz verzeichnet werden, meint Neises. „Dann könnten wir die Produkte nicht nur preislich miteinander vergleichen, sondern auch in ihrer Umweltverträglichkeit.“

Generelle Werte darüber, welche Produkte bei ihrer Herstellung wie viele Kilogramm Kohlendioxid emittieren oder Liter Wasser verbrauchen, gibt es bereits. Doch diese Werte sind Durchschnittswerte, die über einzelne Produkte wenig aussagen. „Wir wollen den verlässlichen Carbon Footprint für ein bestimmtes Produkt mit den tatsächlichen Werten aus den Unternehmen berechnen, nicht mit generischen Daten, die vor fünf Jahren mal erstellt wurden.“ In die Berechnung mit einbezogen werden die gesamte Lieferkette sowie der weitere Transport bis hin zum Verkaufsort. Für ein Produkt wie beispielsweise ein Fenster wird dann also der Carbon Footprint jedes einzelnen Bestandteils wie Holz, Kunststoff, Metall und Glas mitberechnet. Außerdem alle Emissionen, die durch den Transport der Einzelteile und des anschließenden Gesamtprodukts entstehen.

Nur mit einer individuellen und auf realen Daten basierenden Berechnung erhalte man eine realistische Aussage über die CO2-Bilanz, sagt Neises. Das bestätigt auch Dr. Enrico Bennetto, Leiter der Einheit „Environmental Sustainability Assessment and Circularity“ des Luxembourg Institute of Science and Technology (LIST). „Wir entwickeln gerade ähnliche Systeme“, sagt er. „Echt-Daten zu benutzen ist sicherlich die Zukunft für Nachhaltigkeits-Prüfungen. Wie akkurat die Ergebnisse sein werden, hängt vom Umfang der Daten ab. Bislang gibt es aber noch kein System, das den tatsächlichen Carbon Footprint eines Produkts inklusive der Lieferkette realistisch abbildet.“

Eine gesetzliche Verpflichtung für Unternehmen,
die CO2- oder Öko-Bilanz ihrer Produkte auszuweisen, besteht noch nicht.

Das will Waves jetzt ändern und entwickelt gemeinsam mit einem externen IT-Dienstleister eine App, die sich in das 24 WISSEN Matthias Brinkert und Armin Neises helfen Unternehmen, die Umweltverträglichkeit ihrer Produkte zu berechnen. IT-System eines Unternehmens einklinkt und über definierte Schnittstellen Zugang zu den Daten erhält, die zur Berechnung des Carbon Footprints nötig sind. Dass dabei die Firmendaten geschützt bleiben, sei gewährleistet, meint Armin Neises. Für die Erstellung der Formeln, mit denen die Berechnung stattfindet, gäbe es Normen und Vorschriften.

Was dafür gebraucht wird, sind natürlich verlässliche Daten. Viele dieser Daten haben die Unternehmen ohnehin. Sie wissen in der Regel, woher ihre Zulieferungen kommen und wie diese transportiert wurden. Sind diese Daten nicht vorhanden, können die Nachhaltigkeitsexperten auch bei der Beschaffung derselben helfen. Je mehr Daten zusammengetragen werden, desto genauer fällt der CO2-Fußabdruck und irgendwann die gesamte Öko-Bilanz eines Produkts oder eines ganzen Unternehmens aus.

Factory brining substances into the atmosphere

Eine gesetzliche Verpflichtung für Unternehmen, die CO2- oder Öko-Bilanz ihrer Produkte auszuweisen, besteht noch nicht. Die EU ist zwar schon seit 2012 mit dem sogenannten Product Environmental Footprint, kurz PEF beschäftigt, aber mehr als ein Pilotprojekt ist es noch nicht geworden. Mithilfe des PEF sollen alle relevanten Umwelt- und Gesundheitsauswirkungen sowie ressourcenbezogenen Belastungen ermittelt werden, die ein Produkt verursacht. Es soll nicht nur Verbrauchern helfen, die richtige Kaufentscheidung zu treffen, sondern auch Produktionsprozesse optimieren und mehr Bewusstsein schaffen. Wann er jedoch verbindlich eingeführt wird, steht noch in den Sternen.

Im kommenden Jahr wird allerdings ein neuer Standard für Unternehmen verbindlich: der ESG, Environment, Social, Governance. Sie müssen nachweisen, was sie für Umweltschutz und Energieeffizienz tun, welche Rolle Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und gesellschaftliches Engagement bei ihnen spielen und wie nachhaltig ihre Unternehmensführung ist. Denn auch wenn wir noch immer in Zeiten des Turbokapitalismus leben – ein Umdenken hat bei vielen Investoren bereits stattgefunden. Die Mehrheit aller Investoren berücksichtigt Nachhaltigkeitskriterien bei der Wahl ihrer Kapitalanlagen. Moderne Unternehmen können sich nicht leisten, das zu ignorieren.

Text: Heike Bucher Fotos: Pixabay (2), Jan Bölts

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